Archiv für die Kategorie „Bücher“

Gelesen 22: Totentanz

Zwischendrin muss es auch mal wieder ein Buch zur Entspannung sein. Die Laurenti-Krimis von Veit Heinichen bilden eine Reihe, die mir sehr ans Herz gewachsen ist. Diesmal habe ich mir den fünften Fall des Ermittlers aus Triest vorgenommen: “Totentanz”.

Lange vor der Lektüre habe ich die Verfilmung dieses Teils im Fernsehen geschaut – und tatsächlich habe dies zum ersten Mal als störend und abträglich empfunden. Zu stark waren meine vorgefertigten Bilder im Kopf. Und dann weicht das Drehbuch auch noch erheblich von der Vorlage ab. Das ist ja grundsätzlich kein Problem. Allerdings hat es mich hier ganz stark gestört.

Die TV-Filme mit Henry Hübchen in der Hauptrolle sind durchweg hervorragend gelungen – leider hat sich die ARD wegen Erfolglosigkeit gegen eine Fortsetzung entschieden. Auch die Bücher sind großartig – und das mag auch für “Totentanz” gelten.

Wieder einmal befindet sich Proteo Laurenti darin im Clinch mit den Drakic-Geschwistern. Im Vergleich zu den anderen Büchern geht es in dieser Folge allerdings wahrhaftig um Leben und Tod. Über eine sehr gewagte Wendung steigert sich das Buch zu einem Finale Furioso. Die Umsetzung ist sehr gut gelungen – das gilt auch für die Umsetzung im Film. Diese ist zwar ein wenig anders, passt aber trotzdem sehr gut.

Bei allen lobenden Worten: Ich bin in die Lektüre nicht so entspannt hineingekommen, wie ich mir das gewünscht hätte. Die Bilder im Kopf waren zu stark. Die Enttäuschungen durch die Dissonanzen zu groß. Ist vielleicht ungerecht, allerdings sind für “Totentanz” nicht mehr als 6 von 10 Punkten drin.

Veit Heinichen, Totentanz, 2009 (Taschenbuchausgabe), dtv, 320 Seiten

Gelesen 21: Social Media im Kulturmanagement

socmedia kulturWer notorisch an Geldmangel leidet ist und kaum Mittel für Marketingmaßnahmen zur Verfügung hat, hat es in heutiger Zeit deutlich einfacher als noch vor einigen Jahren. Social Media ist das Stichwort. Eigentlich war es noch nie so einfach, einen Buzz für seine Sache zu erzeugen wie in Zeiten von Facebook, Twitter, Soundcloud und Co.

NGOs aber auch Kultureinrichtungen haben entsprechend einen großen Bedarf an Know-how-Transfer. Denn: Die Zugangshürde in die Welt sozialer Netzwerke ist vielleicht niedrig – doch die Social-Media-Klaviatur erfolgreich beherrschen, will gekonnt sein.

Einen sehr wichtigen Beitrag für den erfolgversprechenden Einsatz von Social Media im Kulturmanagement hat die zweite Start Conference im vergangenen Jahr in Duisburg geleistet. Und die Fortsetzung erfährt sie nun in Form eines Tagungsbandes, der im mitp Verlag erschienen ist.

“Social Media im Kulturmangement”, herausgegeben von Karin Janner, Christian Holst und Axel Kopp, ist die perfekte Einstiegsliteratur für alle, die für ihre Kultureinrichtung oder kulturelle Veranstaltung Social Media-Aktivitäten starten wollen. Vor allem die praktischen Grundlagen und die Fallbeispiele aus der Praxis geben einen schönen Überblick über die Möglichkeiten, die sich durch den Einsatz von Blogs, bewertungsportalen, Facebook und Twitter ergeben. Das Buch ist sehr klar und gut strukturiert. Allenfalls die theoretischen Grundlagen stellen sich als etwas zäher Lesestoff heraus.

Die Spannbreite der Fallbeispiele ist sehr weit. Von sehr einfachen und zeitbudgetfreundlichen Lösungen bis hin zum professionellen, intensiveren Ansatz ist alles vertreten. Sehr spannend ist das Kapitel über Crowdfunding. Selbst Social Media-Experten können hier noch einiges über die Möglichkeiten lernen, wie man viele für die Finanzierung von Kulturprojekten gewinnen kann.

Wer sich selbst noch als Rookie im Bereich Social Media betrachtet, kann auch unabhängig von dem spitzen Thema eine Menge aus der Lektüre herausziehen. “Social Media im Kulturmangement” bekommt von mir 8 von 10 möglichen Punkten. Abstriche gibt es für den etwas zu ausführlichen und zähen theoretischen Teil (allerdings hat auch er absolut seine Berechtigung, dieser Aspekt gehört in ein solches Buch).

Karin Janner, Christian Holst, Axel Kopp, Social Media im Kulturmanagement, 2011, mitp, 456 Seiten, 29,95 Euro

Ich habe eine Kulturliste auf Twitter. Vielleicht mag ja jemand dieser Liste folgen ;-)

Gelesen 20: The Story of Stuff

Cover von "The Story of Stuff"Es gibt einfach Bücher, die hinterlassen ein ganz schlechtes Gefühl. Manche Bücher strapazieren die Nerven des Lesers während der Lektüre aufs Äußerste. Manche Bücher sind einfach nur anstrengend und gnadenlos. “The Story of Stuff” von Annie Leonard ist so ein Buch. Einschränkend muss ich sagen, dass die erste Aussage nicht so ganz richtig ist – und damit wird das Werk mit dem Untertitel “Wie wir die Erde zumüllen” zu einem ganz wertvollen Sachbuch.

Ja, wir verschwenden Ressourcen. Ja, wir produzieren zu viel Müll. Ja, die Globalisierung hat ihre ganz miesen Seiten. Ja, unsere Wirtschaft ist auf Konsum ausgelegt. Ja, die Werbung hat ihre Schattenseiten. Man hat kaum eine Möglichkeit einmal durchzuatmen. Die 400 Seiten sind dicht gepackt mit Fakten, Daten und Beispielen. Immer wieder deutet die Autorin an, dass es auch Hoffnungsschimmer gibt. Es gibt einen Ausweg. Die Erde muss nicht bis aufs Letzte ausgebeutet werden, Konsum allein macht nicht glücklich.

Annie Leonard zeichnet den Weg der Wertstoffe und Giftstoffe anhand einer Kette von Rohstoffgewinnung über Produktion, Distribution und Konsum bis hin zur Entsorgung nach. Bekannt wurde die Expertin Umwelt und Gesundheitsfragen durch den Internet-Film “The Story of Stuff”, der auch die Grundlage für dieses sehr amerikanische Buch bildet. Der US-Fokus wird allerdings geschickt durch zahlreiche Beispiele und Zahlen aus Europa und vor allem Deutschland ergänzt. Dabei wird auch immer wieder deutlich, dass die Kulturen sich klar unterscheiden – was aber nichts daran ändert, dass die Welt zugemüllt wird, Giftstoffe freigesetzt werden und die Konsumgesellschaft mit ihren geplanten Obsoleszenzen vor allem im Elektronikbereich nicht nur ein Segen ist.

Sehr deutlich arbeitet sie die globalen Zusammenhänge heraus. Sie zeigt, warum die Preise für Produkte niedrig sein können, wenn man Kosten externalisiert. Die Umweltverschmutzung findet mehr und mehr in der kaum entwickelten Welt statt. Und von dieser Verschiebung profitieren die entwickelten Staaten – zumindest kurzfristig.

Bei aller bedrückender Darstellung bekommt die Autorin am Schluss sehr gut die Kurve, um den Leser nicht hilflos und suizidgefährdet aus dem Buch zu entlassen. Sie zeigt am Ende, inwieweit auf politischer Ebene Einfluss genommen werden kann. Und schließlich gibt sie Tipps dafür, wie man in seinem persönlichen Umfeld dazu beitragen kann, dass ein Kollabieren der Erde am Schluss vielleicht doch noch abgewendet werden kann.

“The Story of Stuff” erhält 8 von 10 möglichen Punkten. Abstriche gibt es für den Anstrengungsgrad und die etwas langatmigeren Passagen. Das Buch verändert. Im Bekannten- und Kolleginnenkreis habe ich davon erzählt – und es werden demnächst einige von ihnen lesen. Verhaltensänderungen haben sie sogar schon nach meinen Darstellungen und der ersten Beschäftigung mit diesem Thema angekündigt.

Annie Leonard, The Story of Stuff, 2010, Econ, 400 Seiten 18 Euro. In Kürze (15.4.2011) erscheint der Titel auch als Taschenbuch bei Ullstein für 9,99 Euro.

Gelesen 19: Die Intelligenz des Schwarms

Peter Miller Die Intelligenz des Schwarms

Peter Miller Die Intelligenz des Schwarms

“In jedem Falle dienen wir der Gruppe am besten, wenn wir uns selbst treu bleiben.” Diese Zitat aus dem Buch “Die Intelligenz des Schwarms” von Peter Miller wird bei mir über den Tag hinaus wirken. Ich bin ein großer Freund des Schwarmtheorie-Ansatzes. Ich glaube, dass es tatsächlich so etwas wie Schwarmintelligenz auch beim Menschen geben kann. Manchmal funktioniert das Ganze automatisch. Manches Mal müssen aber auch die Bedingungen geschaffen werden, um das Potenzial des Schwarms entfalten zu können.

Miller gelingt es recht gut, Phänomene aus der Tierwelt – er fokussiert vor allem auf Ameisen, Bienen und Termiten – in den Alltag und das Wirtschaftsleben zu übertragen. Einige seiner Beispiele sind allerdings nicht unbedingt zwingend. Das Nutzen der Schwarmintelligenz bei Boeing zur Entwicklung des Dreamliners ist offensichtlich ein Versuch gewesen, der nicht zum Erfolg geführt hat.

Der Autor, der für den National Geographic arbeitet, zeigt zum Teil gewollt und zum Teil ungewollt, dass Schwarmintelligenz auch zu falschen Entscheidungen einer Gruppe führt. Sehr schön sind die Beispiele von Fischschwärmen, die sich von gefakten Fischen in die Irre leiten lassen. Auch die verheerenden Auswirkungen durch überbordende Heuschreckenpopulationen sind sehr anschaulich. Manchmal vergleicht er aber auch Phänomene, die meiner Ansicht nach nicht immer zusammenpassen. Er vermengt teilweise auch Erkenntnisse der klassischen Sozialpsychologie mit den neueren Ansätzen. Dadurch gehen manchmal die klare Linie und das eigentliche Thema unter. Andererseits zeigt es, dass natürlich auch der Schwarmintelligenz viel davon enthält, was in der Wissenschaft schon unter anderen Namen auf der Agenda steht oder stand.

Ich habe in jedem Fall sehr viel über staatenbildende Insekten gelernt. Besonders beeindruckt hat mich der Tanz der Bienen, der Voraussetzung für die Entscheidung für einen bestimmten Nestbauplatz ist.

“Die Intelligenz des Schwarms” bekommt von mir 7 von 10 Punkten. Das Buch ist in jedem Fall unterhaltsam und lehrreich. Wer allerdings erwartet, konkrete Handlungsanweisungen für Alltag und Beruf zu erhalten wird enttäuscht sein. Ich habe übrigens die Variante der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt gelesen. Es handelt sich um eine Lizenzausgabe des Buches aus dem Campus Verlag.

Peter Miller, Die Intelligenz des Schwarms, 2010, WBG, 271 Seiten, 15,90 Euro (Das Original aus dem Campus Verlag kostet 19,90 Euro)

Gelesen 18: Porträtfotografie Style Guide

Porträtfotografie Styleguide

Porträtfotografie Style Guide

Das Fotografieren von Menschen – allein oder in ihrer Umwelt – ist die Königsklasse der Fotografie. In der Porträtfotografie geht es immer auch um die Beziehung von Fotograf und Model – um Kommunikation. Und das Foto ist schließlich das Ergebnis dieses Zusammenspiels. Wer als ambitionierter Fotograf Menschen nicht nur einfach ablichten möchte, sondern wirklich gute oder gar perfekte Porträts machen möchte, muss erfahrenen Fotografen (nicht unbedingt Profis) über die Schulter und auf die Displays schauen oder das eine oder andere Buch studieren.

Mit dem “Porträtfotografie Style Guide” von Peter Travers und James Cheadle aus dem mitp Verlag ist jetzt ein Rezeptbuch erschienen, das verschiedene Porträtstile vorstellt und für insgesamt 60 Porträts beschreibt, wie sie entstanden sind, welche Bedingungen herrschten und welche Einstellungen an der Kamera vorgenommen wurden. 3D-Skizzen geben den Set-Aufbau wieder.

Das Buch ist in der Edition Profifoto erschienen. Das macht auch den Anspruch deutlich. Es können durchaus auch Profis noch etwas lernen – vor allem hinsichtlich des Themas Beleuchtung. Cheadle arbeitet gern mit Kunstlicht. Neben seinen Fotos sind u.a. auch Bilder von Bronia Stewart, Daniel Milnor, Ben Brain und Joe Giron vertreten – dann kommt auch mal die Freunde von Available Light zu ihrem Recht. Ambitionierte Hobby-Fotografen, die bereits über eine kleine Studioausrüstung (Blitzanlage, Leuchten und Hintergünde) verfügen oder bereit sind, sich in ein Studio einzumieten, finden in diesem Buch reichlich Inspiration. Eins-zu-eins kann man die Vorgaben dennoch nicht übernehmen, da die konkrete Einstellung von Blitzen und Leuchten nicht verraten wird. Das muss dann jeder individuell ausprobieren.

portraet23

Eine Doppelseite aus dem Buch Porträtfotografie Style Guide, Thema Fashion.

Die Fotos zeigen mehr oder weniger prominente Menschen. Es handelt sich in der Regel um konkrete Auftragsarbeiten. Obwohl die Texte sehr knapp gehalten sind, werden interessante Details zu den Bedingungen offen gelegt. Das bringt einem näher, wie es sich anfühlt, wenn man als Profi-Fotograf unterwegs ist. Cheadle vermittelt recht gut, wie er seine Erfahrung einsetzt und trotz aller widrigen Umstände zu einem perfekten Ergebnis kommt. Davon kann man auch als Hobby-Fotograf profitieren.

Den Abschluss des Buches bilden dann noch einige How-to-Kapitel, in denen es um Themen wie Belichtung, Schärfe, Messung, Studiobeleuchtung und auch die Auftragsvergabe geht. Einige Worte werden auch noch hinsichtlich der optimalen Ausrüstung verloren. Auch in den abschließenden Kapiteln sind die Texte kurz gehalten. Das führt dazu, dass es inhaltlich etwas oberflächlich bleibt.

Eine Doppelseite aus dem Buch Porträtfotografie Styleguide, Thema Fashion.

Eine Doppelseite aus dem Buch Porträtfotografie Style Guide, Thema Klassik.

“Porträtfotografie Style Guide” von Peter Travers und James Cheadle bekommt von mir 8 von 10 möglichen Punkten. Manchmal wären etwas konkretere Informationen einfach doch noch besser für ein Rezeptbuch. Dennoch wird ein Füllhorn an Inspiration über den Leser des Buches ausgeschüttet. Anregungen zum Ausprobieren gibt es reichlich.

Peter Travers und James Cheadle, Porträtfotografie Style Guide – Rezepte für professionelle Porträt-Techniken, 2011, mitp, 176 Seiten, 34,95 Euro

Gelesen 17

Dieter Moor: Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht

Dieter Moor: Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht

Eine Liebeserklärung an Brandenburg, das platte Land, die Provinz. Das ist das Buch “Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht – Geschichten aus der arschlochfreien Zone” von Dieter Moor, sagen wir einmal bekannt aus Film und Fernsehen.

Moor nimmt den Leser mit auf die Reise nach Amerika, in ein Dorf im Brandenburgischen. Dorthin zieht er mit Frau und Viechern. Er lässt die schweizerische Modelleisenbahn-Landschaft inklusive des zu klein gewordenen Hofes hinter sich. Auch der kleine Schweizer in ihm wird im Verlauf des Buches immer leiser.

Am Anfang dachte ich noch: Eigentlich handelt es sich um ein Buch, das kein Mensch wirklich braucht. Da erzählt einer, den noch nicht einmal wahnsinnig viele Menschen kennen dürften, von seinem Umzug und dem Beginn eines neuen Lebens – relativ – fern der Heimat. Aber eben nicht in New York, Sydney, Tokio oder Hongkong, sondern in einem 200-Seelen-Nest im Osten Deutschlands.

Nach anfänglichen Bedenken nimmt das Buch aber recht schnell und ordentlich Fahrt auf. Dieter Moor hat zwar bisher noch kein Buch geschrieben. Wer allerdings seine pointierte und wortgewandte Art aus dem Fernsehen kennt, kann erahnen, dass die Kombination funktionieren muss. Ich schätze ihn schon seit “Canale Grande”-Tagen. So híeß das einzige wirklich großartige Medienmagazin im deutschen Fernsehen, was leider auf Vox sein Dasein fristen musste und so einer breiteren Seherschaft verborgen blieb. Jetzt moderiert er “Titel, Thesen, Temperamente” in der ARD in Tagesrandlage.

Dieter und Sonja Moor verdingen sich unter anderem als Biobauern. Zuerst werden sie von den Ureinwohnern Amerikas noch skeptisch beäugt. Schnell aber zollen sie den Neuankömmlingen Respekt. Davor liegt aber ein Zeit des Hoffens und Bangens, dass sich die ersten Eindrücke nur nicht bestätigen werden. Moors Frau Sonja hat den Hof selbstständig ausgesucht – und zuerst sieht alles nach einem katastrophalen Fehlkauf aus. Nach und nach bauen beide Seiten – Zugezogene und Einheimische – ihre Vorurteile ab. Gemeinsam gehen sie in eine rosige Zukunft voller Hilfsbereitschaft und Vertrauen.

Besonders hängen geblieben sind die Episoden rund um das Fällen einer Tanne auf dem Grundstück in Gebäudenähe und die Story, als Moor mit seinen neuen Freunden Neonazis vom Feuerwehrfest vertreiben.

“Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht – Geschichten aus der arschlochfreien Zone” ist ein wunderbar kurzweiliges und mit viel Wortwitz durchsetztes Buch. Absolute Leseempfehlung. 8 von 10 Punkten hat es allemal verdient – an zwei oder drei Stellen sind mir Charakterisierung von Typen und die Schilderung bestimmter Ereignisse zu ausführlich geraten.

Dieter Moor, Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht – Geschichten aus der arschlochfreien Zone, 2009, RoRoRo, 304 Seiten, 8,95 Euro

Gelesen 16

146514117 e2dae842a5Irgendwie passt das Buch zu Weihnachten. Engel spielen im Leben und entsprechend auch in den Memoiren von Modeschöpfer Harald Glööckler eine herausragende Rolle. Er glaubt an die Macht der Engel – in vielen Lebenssituationen standen sie ihm zur Seite und halfen dem Meister der Selbstinszenierung die richtige Entscheidung zu treffen.

Harald Glööckler stammt aus dem Maulbronner Ortsteil Zaiersweiher, schwäbische Provinz. Die Eltern seines Vaters hatten einen großen Bauernhof, sein Vater war Metzger und seine Mutter war seine erste große Liebe. Dramatischer Höhepunkt des ersten Kapitels ist der Tod seiner Mutter. Glaubt man der Darstellung Glööcklers, dem zum Verfassen des Buches die Autorin Christiane Stella Bongertz zur Seite stand, ist die Mutter im Alter von 39 Jahren an den Folgen eines Treppensturzes gestorben. Sein Vater habe sie in Rage und volltrunkenem Zustand die Treppe hinuntergestoßen, schreibt Glööckler.

Im weiteren Verlauf des Buches beschreibt der exaltierte Modeschöpfer das Auf und Ab seiner geschäftlichen Bemühungen, an denen von Beginn an sein Lebensgefährte Dieter Schroth beteilgt war und bis zum heutigen Tage ist. Deutlich mehr Aufwand betreibt er allerdings beim Beschreiben seiner aus seiner Sicht überschwänglichen Erfolge. Die harten Zeiten kommen oft nur beiläufig vor. Dennoch erfährt man viel über das System Glööckler und die Bedeutung von Show und Promis für seinen mutmaßlichen Erfolg. Es kann einem schon schwindlig werden, wenn man liest wie Glööckler um die Welt jettet, um Promis zu besuchen und seine Shows (die eher im näheren Umfeld) zu bestreiten. Dabei handelt es sich natürlich in der Regel um Frauen. Am liebsten hat er Gina Lollobrigida, Brigitte Nielsen und die Weather Girls. Zugegeben, seine Top-Stars hatten zu jener Zeit, als er sie zu seinen Shows bestellte, die besten Zeiten schon hinter sich. Offensichtlich hat das dem bunten Treiben von Harald Glööckler nicht geschadet.

Zufälle haben ihn immer wieder in die Arme von Leuten getrieben, die ihm mit Anerkennung begegneten und zu neuen Aufträgen und Aufgaben verholfen. Leute, die den selbst ernannten Modezar nicht schon seit 20 Jahren auf dem Schirm haben, werden ihn wohl hauptsächlich als Verkäufer in Teleshoppingsendern kennen. Schicksalhaft war seine Begegnung mit dem damaligen Chef von HSE 24, Dr. Konrad Hilbers. Er machte Glööckler zum Teleshoppingstar und brachte diesen seinem Traum ein bisschen näher, aus jeder Frau eine Prinzessin zu machen. Ab 2011 ist Glööckler bei QVC unter Vertrag. Seit Hilbers 2007 eine Aufgabe im damaligen HSE 24-Mutterkonzern Arcandor antrat, habe sich bei dem Ismaninger Unternehmen vieles zum Schlechten verändert, schreibt Glööckler ein wenig enttäuscht und verbittert. Jetzt geht er mit den Teilen seiner Pompöös-Kollektion beim Düsseldorfer Konkurrenten auf Sender. Im Klingel-Katalog ist er mittlerweile mit dem Label Glööckler präsent.

Die Autobiographie von Harald Glööckler ist insgesamt eine recht kurzweilige und unterhaltsame Lektüre. Er ist eine schillernde Figur in der Modeszene. Er ist umstritten und wird sicher nicht von allen geliebt. Viele seiner Kundinnen scheinen jedoch echte, hartgesottene Fans zu sein. Für alle, die an Engel glauben und den Protagonisten gut finden, ist dieses Buch eine Pflichtlektüre. Man muss allerdings stets beachten, dass die Grenze zwischen Realität und Fiktion nicht ganz klar ist, in Glööcklers Buch wie in seinem Leben.

Absolutes Manko: Es fehlen die Bilder im Buch. Gern würde man sehen, in welchen Outfits sich Glööckler bei seinen Shows und Partys präsentiert hat. Auch die Auftritte mit den Promis hätte ich gern dokumentiert bekommen. Genial hingegen ist der Schutzumschlag, der sich zu einem Poster auffalten lässt, mit großartigen Porträts des 45-Jährigen. Da ich nicht wirklich ein Glööckler-Fan bin, bekommt das in vielen Passagen etwas zu leicht daher kommende Buch 4 von 10 Punkten.

Harald Glööckler und Christiane Stella Bongertz, Harald Glööckler, Lübbe, 2010, 272 Seiten, 19,90 Euro.

Gelesen 15

Das Ende ist mein Anfang von Tiziano Terzani.

Ich bin zum Glück eher selten auf Beerdigungen. Jetzt wollte es der Zufall, dass ich mit der Lektüre eines Buches, in dem es ums Sterben geht, genau einen Tag vor der Beerdigung meines Onkels fertig wurde.

“Das Ende ist mein Anfang” heißt das Buch, in dem die Gespräche von Schriftsteller und Journalist Tiziano Terzani mit seinem Sohn Folco festgehalten sind, die die beiden in den letzten Lebensmonaten des ehemaligen Spiegel-Korrespondenten geführt haben.

Der Vater hat seine Sohn gebeten, sich die Zeit zu nehmen und die Gespräche aufzuzeichnen. Das Buch ist schon einige Zeit erhältlich und hat sich zu einem Longseller gemausert.

Es besteht grob gesagt aus zwei Teilen. Zum einen erzählt Tiziano Terzani von der Zeit, als er mit seiner Familie an verschiedenen Orten in Fernost lebte und als Korrespondent tätig war. Die Darstellung der Situationen in China und Japan ist sehr lebendig. Man lernt einiges über die jüngere Geschichte. In einem zweiten Teil steht das Sinnieren über das Leben und Sterben im Mittelpunkt.

Der Stil in dem ganzen Buch ist unaufgeregt und entspannt, selbst wenn dramatische Szenen beschrieben werden. Dieser rote Faden ist es auch, der die Lektüre sehr angenehm macht. Die Gedanken zur Vergänglichkeit beinhalten nun nicht unbedingt neue Aspekte. Allerdings baut der Leser im Verlauf des Buchs natürlich ein Beziehung zu den beiden Protagonisten auf. Tiziano Terzani blickt auf ein erfülltes Leben zurück, er ist zufrieden. Diese Zufriedenheit strahlt auf die Einschätzung von Leben und Sterben aus. Es handelt sich um ein Kontinuum. Sterben gehört zum Leben dazu. Die Möglichkeiten und Chancen, die das Leben bietet, stellt Terzani als etwas Wunderbares dar. Damit wird “Das Ende ist mein Anfang” zu einem Mut-Mach-Buch.

Auf der anderen Seite habe ich allerdings relativ lange an der Lektüre gearbeitet. Phasenweise wird es dann doch zu ausführlich. Einem zu großen Teilen entspannten Buch fehlt es natürlich an Spannung. Auch die Ausdrucksweise und der Stil sind mir gelegentlich zu pathetisch-italienisch. Einblick in das Leben und Arbeiten eines Journalisten gibt das Werk nur sehr rudimentär.

Wenn die Lektüre zu Lebenssituation passt, es also einen Anlass gibt, sich mit Leben und Sterben auseinanderzusetzen, dann kann sie schon sehr bereichernd sein. In diesem Fall vergebe ich 8 von 10 Punkten. Als Lektüre einfach nur so, würde ich “Das Ende ist mein Anfang” nur eingeschränkt empfehlen (5 von 10 Punkten).

“Das Ende ist mein Anfang” von Tiziano Terzani, 2007, Deutsche Verlags-Anstalt, 416 Seiten, gebunden, 19,95 Euro. Das Buch ist auch bei Goldmann als Taschenbuch für 9,99 Euro erhältlich. Das Buch wurde auch verfilmt. Im Oktober hatte der Kinofilm mit Bruno Ganz in der Hauptrolle Premiere.

Lesen, Schreiben, Lesen

Nur zwei Stunden war ich auf der Buchmesse in Frankfurt unterwegs. Und es war wahnsinnig inspirierend. Großartige Bücher werden dort regelmäßig großartig präsentiert. Die Atmosphäre gefällt mir immer sehr gut. Kreative treffen auf Neugierige, die ihren Wissensdurst mit Hilfe des – noch immer meist – gedruckten Wortes befriedigen wollen. Und natürlich auf Händler, die ich hier nicht unterschlagen möchte.

Besonders viel Spaß haben mir die Kinderbuchverlage gemacht. Bücher für Kinder sind etwas Wunderbares. Heute lese ich noch sehr viel vor. In wenigen Jahren werden die wissbegierigen Kleinen hoffentlich vornehmlich Bücher (oder auch digitale Endgeräte, auf denen Buchstaben und Illustrationen weiterleben werden) nutzen, um ihre Neugier und ihren Wissensdurst zu befriedigen.

Man sagt mir innerfamiliär nach, dass ich schon immer eine Leseratte gewesen bin. Objektiv betrachtet ist das nicht ganz richtig. Es gibt sicher Menschen, die noch viel mehr lesen und gelesen haben als ich. Dennoch halte ich mich für ein recht gutes Vorbild für meine Kinder. Fast schon peinlich ist es mir, dass es jemanden in meiner näheren Verwandschaft gibt, der geradezu stolz ist, nie auch nur ein einziges Buch gelesen zu haben bzw. sich nicht mehr daran erinnern zu können. Wie ist ein solches Leben möglich?

Nun gut. Das mit den Maßstäben ist so eine Sache. Neulich habe ich aber auch anderer Stelle etwas gehört, was mich damals nachdenklich gemacht hat und nach dem Besuch der Messe wieder in mir hochgekommen ist. Es wurde in einem größeren Kreis darüber diskutiert, ob es sinnvoll ist, dass die Kinder so schreiben lernen, wie es im Moment modern ist. Also nach Gehör und mit Hilfe einer Buchstabentabelle ohne ein Korrektiv. Ein Vater sagte, dass es bei seinem größeren Sohn später nie mehr mit der Rechtschreibung geklappt habe. Die Pädagogen setzen unter anderem darauf, dass durch das Lesen Orthographie nebenbei gelernt wird. Er sagte, Lesen sei halt nicht das Ding des Jungen.

Bong, das hat gesessen und einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Das Heranführen an das Lesen, die Bücher, von mir aus auch an digitale Endgeräte ist doch in der Regel die Aufgabe der Eltern, allenfalls der Eltern in Kooperation mit der Schule und den Lehrern. Einfach die Lehrmethode zu hinterfragen und zu verurteilen, und dann noch seinen Anteil am Ganzen auszublenden, halte ich für schwierig.

Ich bin froh, wenn die Kinder den Spaß am Schreiben nicht schon in den ersten Monaten in der Schule verlieren. Ich schreibe gern, wenn das meinen Kindern genauso geht (sie müssen ja nicht gerade Schriftsteller oder Journalist werden), ist mir das sehr recht. Und lesen sollen sie auch – und zwar sollen sie mehr Zeit damit verbringen, als mit jeder anderen Indoor-Aktivität. Ich weiß, die positiven Effekte von Fernsehen, Computer/Internet und Videospielen zu schätzen. Doch den Wissensdurst stillt man immer noch am besten mit Lesen. Weitere positive Effekte nimmt man da doch gerne mit.

Also: Lesen, Schreiben, Lesen – und das mit Spaß und Begeisterung. Nur so können die Kinder auch Gefallen an Sprache und Schrift finden. Der Rest ist dann eigentlich egal.

Gelesen 14

Nein, nicht schon wieder Managementliteratur. Das hunderttausendste Buch, das mit erhobenem Zeigefinger und apokalyptischen Drohgebärden Druck auf mich und meine Art, meine Leute und das Unternehmen zu führen, ausüben möchte. In Buchstaben gegossenes Besserwissertum, von Leuten (Beratern!), die keine Ahnung haben – und davon ziemlich viel. Ein Bombardement von markigen Sprüchen mit Gehirnwindungsverankerungspotenzial – die sich nach genauem Hinsehen als Worthülsen entlarven lassen.

Stopp. Genau das ist es nicht. “Nur Tote bleiben liegen” von Anja Förster und Peter Kreuz wirkt da ganz anders – wenn die typischen Eigenschaften von Managementliteratur auch hier an einigen Stellen aufblitzen. Dieses Buch wirkt auf den Leser – Offenheit vorausgesetzt – wie ein reinigendes Gewitter. Die Autoren, als Berater sind sie regelmäßig für die ganz großen Unternehmen unterschiedlicher Branchen im Einsatz, machen nicht nur deutlich, dass in Unternehmen zahlreiche Fehler gemacht werden, und damit das Potenzial von Mitarbeitern und Organisation mit Füßen getreten aber sicher nicht realisiert wird. Die positive Stimmung überwiegt. Zahlreiche Beispiele von Unternehmen, die das Außergewöhnliche wagen und damit vom Unternehmensführungs-Mainstream abweichen, machen Mut, als Führungskraft/Entscheider eben auch einmal aus den engen Vorgaben überholter Methoden auszubrechen. Das Buch ist gut strukturiert, sehr gut gestaltet, leicht erfassbar. Also Manager: Es gibt keine Ausrede, die paar Stunden nicht zu investieren. Außerdem gibt es das Buch auch als Hörbuch. Auto-CD-Player, MP3-Player – ist ja alles schon erfunden.

Du bist kein Entscheider, bist aber irgendwie Teil der Wissensgesellschaft, und glaubst, dieses Buch ist nichts für Dich? Weit gefehlt. Die Autoren schaffen es in diesem Buch, dass sich offensichtlich an Manager richtet, die Relevanz bestimmter Strömungen in der Internet-Gesellschaft vom unternehmerischen Umfeld auf alle Bereiche des Lebens auszuweiten. Neue Theorien oder gesellschaftsanalytische Aspekte decken sie vielleicht nicht gerade auf. Es gelingt ihnen jedoch herausragend, solche Themen wie Schwarmintelligenz und Tipping Point so geschickt unter einen Hut zu bekommen, das die Horizonterweiterung beim Lesen ganz automatisch kommt. Sie zeigen, was eine Internet-Gesellschaft, für die es ganz normal ist, sich massenmedial mitzuteilen und für alle sichtbar mitzureden, auszeichnet. Sie zeigen, wie sich das auf Unternehmen und de Art der Mitarbeiterführung auswirkt. Und gleichzeitig stellen sie dar, wie sich die ganze Welt durch das – sagen wir abgedroschenerweise – Web 2.0 verändert. Man muss sich fragen: Wie ist in unserer Zeit Unternehmensführung möglich? Genauso: Wie ist Politik möglich? Wie ist überhaupt Gesellschaft möglich? Auf die erste Frage gibt es reichlich Antworten in dem Buch. Die beiden letzte Fragen sind nur durch Ableitung zu beantworten, aber natürlich nicht endgültig.

Der Wirbel um Stuttgart 21 ist für mich durch das Buch nochmal verständlicher geworden. Social Media spielt bei der Entwicklung dieses Themas eine riesige Rolle. Das lokale Ereignis gewinnt nicht nur mittels Berichterstattung in Tagesschau und Heute Journal eine überregionale Bedeutung. Die Macht der Vielen manifestiert sich nicht mehr nur an der Wahlurne. Politik muss umdenken. Politiker sollten dieses Buch lesen und sich spätestens dann Gedanken machen.

Mir persönlich gefallen die Gedanken in den ersten drei der elf Kapitel des Buches am besten. Hervorragend wird gezeigt, wie sich die Unternehmensführung zur Not auch von unten ändern wird. Die Führungskraft in einem Unternehmen der Wissensgesellschaft muss sich und seine Aufgabe neu definieren – das wird mit der Lektüre evident. Ein Mutmacher für einen wie mich ist das Buch allemal. Ziel erreicht.

“Nur Tote bleiben liegen” von Anja Förster und Peter Kreuz erhält von mir 9 von 10 möglichen Punkten. Abstriche gibt es, weil es eben Managementliteratur ist, die ein besseres Bild vom Unternehmertum zeichnet, als es im Moment tatsächlich noch ist. Dabei schwingt die Angst mit, dass dieses Buch zu wenige Entscheider lesen. Und: Wenn es welche lesen, besteht immer noch die Gefahr, dass sie die Inhalte nicht verstehen, nicht an sich heranlassen oder sowieso der Meinung sind, dass sie genau so sind, wie es in dem Buch idealtypisch beschrieben wird – obwohl es keineswegs so ist.

Anja Förster und Peter Kreuz, Nur Tote bleiben liegen, Campus, 247 Seiten, 24,90 Euro

Da Transparenz alles ist, sei hier erwähnt, dass ich das Buch kostenlos erhalten habe, weil ich als einer von zehn Bloggern ausgewählt wurde, über dieses Buch zu schreiben.

Februar 2012
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