Archiv für die Kategorie „Bücher“
Gelesen 13
Diese Lektüre hat mich beeindruckt. Mich hat beeindruckt, welche Strapazen der Autor auf sich genommen hat. Mich hat beeindruckt, wie stark der Wille oder auch der Druck ist, den die Menschen in Afrika, in krisengeschüttelten Staaten, haben oder verspüren, in das gelobte Land, nämlich nach Europa, zu kommen.
Dem italienischen Journalisten Fabrizio Gatti ist mit “Bilal” ein ganz herausragendes Werk gelungen. Es dokumentiert – und ist dennoch in vielen Phasen so dicht und spannend wie ein Thriller. Gatti hat sich in mehreren Etappen auf die Schleuserroute in Afrika begeben, die zumindest in der Zeit, als er vor Ort unterwegs war, Tausende von Flüchtlingen täglich zurückgelegt haben.
Er ist zunächst im Senegal gestartet und bis nach Libyen gekommen. Auf diesem Teilabschnitt war er nicht undercover unterwegs, was ihn vor Folter und Tod bewahrt hat. Gatti beschreibt die Verhältniss an den unterschiedlichen Etappenzielen, wo immer wieder neue Schleuser den Flüchtlingen das Geld abknöpfen, ohne die Garantie, das gelobte Land jemals zu erreichen. Die Reise durch die Wüste erfolgt über unterschiedliche Routen. Wer von den Standardwegen abweicht, kann zwar Polizei und Armee entgehen, die den oft heimatlos geweordenen ein weiteres Mal Geld abpressen, allerdings ist man dort dem Tod auch noch näher als auf den normalen Routen.
In den großen Städten entlang des Weges gibt es so etwas wie Flüchtlinglager. Nicht nur dort kann von menschenwürdigen Umständen keine Rede sein. Gatti beschreibt die meisten Situationen ganz sachlich, trotzdem können die Darstellungen einen nicht kalt lassen. Für mich ist dieser Teil des Buches der spannendste.
Gatti denkt, an der Mittelmeerküste angekommen, offensichtlich ernsthaft darüber nach, per Schiff nach Lampedusa überzusetzen. Gespräche und der Blick auf die Realität überzeugen ihn schließlich, diese Reise in den sehr wahrscheinlichen Tod nicht aufzunehmen. Er kehrt konventionell nach Hause zurück – wo die persönlich-emotionale Komponente evident wird. Seine Partnerin kündigt die Geburt des gemeinsamen Nachwuchses an. Ein bisschen habe ich das Gefühl, dass sein Lektor ihn dazu genötigt hat, diese private Dimension mit aufzunehmen. Ich bin mir nicht sicher, ob Gatti selbst auf diese Idee gekommen ist. Tatsächlich verdichtet dieses Wissen den zweiten großen Teil des Werkes ein wenig. Der Leser ist emotional involviert.
Tatsächlich ist die Undercover-Ermittlung im Flüchtlingslager auf der Insel Lampedusa der wahrscheinlich noch gefährlichere Teil seines Abenteuers, auf das er sich lange vorbereitet hat. Als Bilal lässt sich aus dem Meer fischen und internieren. Die Verhältnisse in dem Lager sind sehr übel. Die Toiletten sind stets übergelaufen. Wer seine Notdurft verrichten will, steht nach Gattis Aussagen bis zu den Knöcheln in Kot und Urin. Das Personal zeichnet sich duch Willkür und unmenschliches Verhalten aus. Gatti baut in seiner Schilderung Distanz zu dem Protagonisten auf, indem er in der dritten Person von sich und seinen Erlebnissen berichtet.
In einem dritten Teil geht es zurück an eines der Etappenziele, Agadez, eine Stadt im Niger (einem der ärmsten Länder der Erde, in dem übrigens auch kürzlich eine dramatische Flut viele Opfer gefordert, Obdachlose produziert und die Landwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen hat). Dort trifft er einige der Männer, mit denen er unterwegs Freundschaft geschlossen hat. Alle haben es nicht geschafft zu überleben. Für Europa hat es schon gar nicht gereicht.
Die Recherchen Gattis fallen in jene Zeit, als Berlusconi dem Dikatator Gaddafi geholfen hat, wieder Anerkennung in der Welt zu finden. Bilateral hat man sich auf die “Lösung” des Flüchtlingsthemas geeinigt. Libyen fängt heute mit italienischen Schnellbooten die Flüchtlingsschiffe ab. Im besten Fall werden die Flüchtenden in ihre Herkunfts- oder an diese vermeintlich sicheren angrenzenden Ländern abgeschoben. Was in Libyen wirklich passiert, weiß niemand so genau. Das Lager auf Lampedusa ist geschlossen, so effektiv ist der Einsatz der Schnellboote.
Gatti hat ein hochbrisantes und interessantes Thema aufgegriffen. Ein Thema, das uns nicht so nahe steht. Aber es gut, über die Lektüre eines solchen Buches gezeigt zu bekommen, wie es in der Welt draußen aussieht. Das rückt die eigenen Probleme an die Stelle zurück, wo sie hingehören.
8 von 10 Punkten kann ich allemal vergeben. Die emotionale Komponente ist etwas störend und am Ende fehlt mir ein wenig die Spannung.
Fabrizio Gatti, Bilal – Als illegaler auf dem Weg nach Europa, Kunstmann, 457 Seiten, 24,90 Euro
Anmerkung: Ich danke an dieser Stelle bilandia.de. Ich habe unter anderem dieses Buch bei einer Facebook-Aktion dieses gut gemachten Social-Commerce-Online-Buchshops gewonnen. Ich hätte es wahrscheinlich nicht gekauft. Jetzt weiß ich, dass es mich bereichert hat.
Gelesen 12
Dieses Buch hat mich an mein Limit gebracht. Der gleichnamige Wälzer von Frank Schätzing hat sich als unerwartet zähe Kost präsentiert, wie ich finde. Mindestens 600 der 1300 Seiten waren mir zuviel. Die Spannung konnte nur selten über über längere Phasen aufrecht gehalten werden. Der Autor hat deutlich zu viele Charaktere einführen müssen. Viele von ihnen waren einfach nur schrill – gebraucht hätte man sie im Verlauf der Story nicht.
Schätzing komponiert gewohnt gekonnt. Die kleinsten Details werden punktgenau beschrieben. Die Recherche und die Beschreibung von Sachverhalten ist makellos, wie immer. Der Blick in die nahe Zukunft hat etwas Visionäres. Die weitere Bedeutungssteigerung der Wirtschaft, die mehr und mehr das politische Handeln bestimmt, wird sehr schön skizzert und manifestiert sich irgendwie auch nur zwischen den Zeilen. Dennoch bin ich nie in einen Lese-Flow gekommen. Phasenweise nimmt die zweigeteilte Story natürlich Fahrt auf. Auch der Showdown ist spannend. Insgesamt sind die Beschreibungen der Geschehnisse auf dem Mond und auf Gaia extrem sperrig. Schätzing ist in einen Schreib-Flow gekommen – Hauptsache Flow.
Das Zusammenführen der zwei Erzählstränge – hier die Erde, dort das All – gelingt Schätzing auch sehr gut, keine Frage. Technisch ist alles in Ordnung. Und dennoch: Ich habe gelegentlich darüber nachgedacht, das Buch zur Seite zu legen. Der Weg zum Ende erschien mir zu mühsam. Und der Weg war mühsam. Schließlich möchte ich aber nicht von Zeitverschwendung sprechen. Daher kann ich “Limit” 4 von 10 möglichen Punkten geben. Dem nächsten Buch von Frank Schätzing wünsche ich wieder mehr Drive.
Frank Schätzing, Limit, Kiepenheuer&Witsch, 1320 Seiten, 26 Euro.
Gelesen 11
Drei Kinder werden abgeschlachtet, die Mutter liegt mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne. Alles deutet darauf hin, dass eine verzweifelte Mutter keinen anderen Ausweg als einen erweiterten Suizid mehr sah. Aber natürlich sieht die Wahrheit anders aus – und das wird allzu früh deutlich in dem Starnberger-See-Krimi “Schwarze Ufer” von Michael Soyka. Das ist einer der kleineren Schwachpunkte eines sehr spannenden und gut geschriebenen Buches, in dem man unter anderem einiges über den Alltag in psychiatrischen Anstalten erfährt.
Und das kommt vor allem daher authentisch rüber, weil der Autor selbst Professor für Psychatrie ist. Entsprechend ist auch einer der Protagonisten ein Psychiater, dessen Aufgabe es ist, die vermeintliche Täterin zu begutachten, ihren Geist zu erforschen. Der ermittelnde Kommissar trägt den bezeichnenden Namen Fels und kommt – wie viele seiner Kollegen in anderen Krimis dieser Art – einigermaßen abgebrüht und besserwisserisch daher. Das deckt sich nicht ganz mit der schwachen Ermittlungsleistung, die dazu führt, dass der Fall zu schnell zu den Akten gelegt wird.
Auch hier ist ein Schwachpunkt des Buches versteckt. Man wundert sich, warum der eigentlich Täter, der schon recht früh eingeführt wird, nicht früher genau unter die Lupe genommen wird. Um auch noch den letzten Punkt zu erwähnen, der mir negativ aufgefallen ist: Eine Lektorschwäche offenbart sich an ein oder zwei Stellen, in denen die Charakterisierung der Figuren etwas redundant ist.
Genug gemeckert: Das Buch ist spannend, die Story ergreifend, die Charakter ausgeprägt. Der Schreibstil ist in keinster Weise professoral. Es macht viel Spaß, das Buch zu lesen. Dafür gibt es 7 von 10 möglichen Punkten.
Michael Soyka, Schwarze Ufer, Allitera Verlag, 236 Seiten, 12,90 Euro
Gelesen 10
Ulrike Almut Sandig ist eine junge Autorin, Jahrgang 1979. Sie kommt, wie wahrscheinlich viele junge Autoren, aus der Lyrik. Im vergangenen Jahr wurde sie mit dem renommierten Leonce-und-Lena-Preis in Darmstadt ausgezeichnet. In dem Bändchen Flamingos sind nun erstmals Kurzgeschichten von ihr gebündelt erschienen.
Die Geschichten erzählen von Außenseitern, Kaputten, Behinderten. Sandig gelingt es, selbst üble Dinge sehr unaufgeregt und lakonisch darzustellen. Das gefällt mir. Sie stiftet Verwirrung im eigenen Hirn und regt so zum Nachdenken an. Insgesamt gefällt mir der Auftakt des Buches recht gut. Mit der längsten Geschichte, Mutabor, kommt es zu einem Bruch. Aus meiner Sicht fällt die Qualität im zweiten Teil deutlich ab.
Zu sehr verliert sich die Autorin dann im Assoziativen. Vielleicht fällt es einem auch nur mehr und negativer auf als zu Anfang. Dass Sandig ihre Geschichten und wohl auch ihre Gedichte, die ich nicht kenne, assoziativ schreibt, ist evident. Das ist grundsätzlich eine Art zu schreiben, die mir gefällt. Allerdings muss der Leser die Möglichkeit bekommen, die Gedanken nachzuvollziehen. Das fällt mir hier manches Mal schwer. Man klinkt sich aus und steigt trotz der Kürze der Texte dann oft nicht wieder ein. Das ist schade.
Ich habe das Gefühl, dass Sandig auch bald mit einem ersten großen Werk aufwarten wird. Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass es mein Interesse wecken kann. Stilistisch kann man sich gut vorstellen, was einen da erwarten wird.
Der gute Anfang bekommt von mir 7 von 10 Punkten. Die zweite Hälfte dann nur noch 3 Punkte. Das ergibt einen Schnitt von 5 Punkten.
Ulrike Almut Sandig, Flamingos, Schöffling&Co, 17,90 Euro.
Gelesen 9
Die Deutsche Knigge-Gesellschaft ist im Moment wohl auf der Suche nach dem korrekten Wort für den weiblichen Ober. Hier ist eben nicht klar, wie man sich am ehesten seiner Bestellung nähert, wenn die weibliche Bedienung in einem Lokal die eigene Anwesenheit übersieht. “Hallo”, “Entschuldigung”, “Frau Oberin”: Das sind sämtlich No-Gos. Nur die richtige Anrede haben wir noch nicht gefunden.
Bei den Österreichern ist das anders. Dort heißt es “Herr Ober” und “Fräulein”. Andere Begriffe werden nicht akzeptiert und im geringsten Fall mit Missachtung der eigenen Person bestraft. Ich habe das während meines einjährigen Aufenthaltes in Wien deutlich gespürt. Und jetzt kann man dies und viele andere Dinge, die man über Österreich wissen sollte in einem unterhaltsam Buch nachlesen. Es heißt “50 einfache Dinge, die Sie über Österreich und die Österreicher wissen sollten”. Geschrieben wurde es von einem Journalisten namens Harald Schume.
In dem Buch mit seinen 50 Kapiteln geht es um Sport (Ski, Formel 1 und Fußball) aber auch um Kultur, Opernball, Salzburg, Falco. Der Österreicher Schume greift alle Klischees auf, die aber tatsächlich so oder so ihre Entsprechung im wahren Leben haben. Mein Wienaufenthalt liegt nun schon einige Jahre zurück – aber an sehr vieles, was mir jetzt in dem Buch wieder begegnet ist, kann ich mich noch sehr genau erinnern.
Schume widmet auch jedem Bundesland ein eigenes, kurzes Kapitel. In wenigen Zeilen schafft er es, die vielfältigen Eigenarten der Menschen in den unterschiedlichen Regionen herauszuarbeiten. Es gelingt ihm, sich gleichzeitig lustig zu machen und trotzdem nicht respektlos zu sein. Das ist bewundernswert.
Das Buch ist sehr gut geschrieben, aber natürlich keine hohe literarische Kunst. Kurzweile ist angesagt. Für Leute, die sich erstmals mit Österreich und den Österreichern beschäftigen wollen (gibt es die Newcomer wirklich?) ist das Buch eine gute Vorbereitung auf das Aufeinandertreffen mit den Einheimischen. Es kann einen auch davor bewahren Fehler zu machen (s.o.). Österreich-Kenner dürfen einfach nur Spaß mit der literarischen Begegnung mit Land und Leuten haben.
Das Buch bekommt von mir 10 von 10 Punkten, weil man ein solches Buch einfach nicht besser schreiben kann.
Harald Schume, 50 einfache Dinge, die Sie über Österreich und die Österreicher wissen sollten, Westend Verlag, Frankfurt, 227 Seiten, 14,95 Euro
Gelesen 8
Gerald Hüther ist ein herausragendes Buch gelungen. Der Neurobiologe beschreibt in dem Buch “Männer – Das schwache Geschlecht und sein Gehirn” den Transformationsprozesse zum Mann. er macht deutlich, dass es nicht das Geschlechtsteil ist, was den Mann zum Mann macht. Vielmehr ist es das Gehirn, das wesentlich zum Mannsein führt.
Er räumt mit dem Mythos auf, das genetisch festgelegt ist, was für ein Mann ein Mann wird. Genetisch festgelegt ist das Geschlecht – und dann fängt die Arbeit des Umfeldes und des Subjektes selbst an. Wichtig ist der letzte Punkt. An einer Stelle im Buch heißt es: “Als Mann wird man nicht geboren und zum Mann wird man auch nicht gemacht.” Die Mannwerdung ist eine Selbstkonstruktion, so wie eine Stufe vorher auch das Hirn sich selbst konstruiert.
Das Buch ist eine lohnende Lektüre für alle. Besonders interessant ist es aber vor allem für Väter von Jungen. Sie verstehen nach und nach, wie wichtig es ist, ein authentischer, liebender Vater zu sein, damit aus dem schwachen Geschlecht – aus Hüthers Sicht ist dieser Tatbestand auf das ungleiche 23 Chromosomenpaar zurückzuführen (Dem Mann fehlt hier ein Ersatzrad, wie Hüther schreibt) – ein genauso authentischer und liebender Mann werden kann. Nach dem Lesen dieses Buches kann niemand mehr sagen: “Es ist eben wie es ist.” Für Frauen ist es ebenso interessant, versucht es doch das Herauszuarbeiten, was einen Mann ausmacht.
Im ersten Teil des Werkes geht es um die Natur des Männlichen. Erfrischend lakonisch wird Hüther gelegentlich, wenn er seine Beispiele aus der Welt der Einzeller und Tiere ausführt. Hier geht es sehr biologisch zu. Selten aber habe ich ein wissenschaftliches Buch gelesen, das derart lesbar ist. Das gibt es sonst leider nur im anglo-amerikanische Raum. Im Logbuch der männlichen Kursbestimmung hält er die Merksätze fest, die den unauthentischen Mann auf den Boden der Tatsachen zurück befördern.
Im zweiten Teil schildert den Prozess der Mannwerdung in zwölf Stationen. Er schreitet den Weg von der Zeugung bis zum Tod ab. Der Mann hat aus Sicht von Hüther mehr Antrieb und weniger Stabilität als die Frau. Das macht ihn anfällig für die Wahl falscher Vorbilder. Er bewegt sich auf einem schmalen Grad. Schon das Kleinkind braucht Orientierung, die ihm als Vorbild ein authentischer Mann als Vater gibt, der den kleinen Mann so annimmt wie er ist und ihm Freiräume lässt. Die beiden letzten Punkte sollten idealerweise auch die Mütter beherzigen.
Hüther schreibt in seinen Nachbemerkungen, das Verliebtheit ein Gefühl, Liebe jedoch eine aus der Verliebtheit geformte Haltung ist. Diese gilt es, der Partnerin und seinen Kindern entgegenzubringen. Dann findet der Mann sich in der Rolle, in der völlig ausgeglichen sein sollte. Eine Verdrängung durch übertriebenes Engagement im Job beispielsweise steht dem entgegen. Wer also will, dass seine Kinder die Chance haben, auf den richtigen Lebensweg einzuschwenken, sollte hier ganz genau sein Verhalten abwägen.
Gerald Hüthers “Männer – Das schwache Geschlecht und sein Gehirn”, Vandenhoeck & Rupprecht erhält von mir 10 von 10 Punkten. Um die Erkenntnisse zu verankern und ein noch authentischerer Mann zu werden, werde ich das Buch auch sicher noch einmal und noch einmal lesen.
Gelesen 7
Für 2,95 Euro habe ich das Buch “Aus Doktor Klimkes Perspektive” von Hakan Nesser auf einem Grabbeltisch in Wohlfahrt’s Buchladen in Berlin gekauft. Das war ein absoluter Glücksgriff.
Die Bahn hat mir an diesem Tag wieder einmal gezeigt, dass sie nicht nur ein komplexes Geschäft in den Griff bekommen muss, sondern manchmal eben auch aus eigenem Verschulden die Leute verärgert. Zum Glück konnte ich an diesem Abend das gerade günstig erstandene Buch aufschlagen und es weitgehend durchlesen.
Von Nesser habe ich bereits mindestens fünf Krimis gelesen. Allesamt sehr gute Bücher mit einer absolut tolerierbaren Qualitätsspanne. In diesem Buch sind nun sechs kürzere Texte versammelt. Drei Short Stories stehen neben drei etwas längeren Erzählungen.
Erstmals fällt mir hier an Nesser auf, dass er hervorragend lakonisch bitterböse Dinge erzählen kann. So ein Stil unterhält mich sehr. Der Erzählstil ist unaufgeregt und erzeugt doch eine ungeheure Spannung. Nessers Figuren wandeln oft auf der Grenze zum Wahn entlang – und doch kann man viele der Gefühle und Gedanken sehr gut nachvollziehen.
Sehr gut zum Anlesen eignet sich die Kurzgeschichte “Das unerträgliche Weiß zu Weihnachten”. Hauptfigur ist ein Mädchen, das sich zu Weihnachten ein Hundebaby wünscht. Sie ahnt schon, das Mutti das nicht will. So plant sie eben einen Mord aus Rache. Ihre Mutter soll an Rattengift elendiglich verrecken.
Hakan Nessers “Aus Doktor Klimkes Perspektive” ist ein guter Einstieg in das Werk des Schweden. Meine Wertung: 9 von 10 Punkten.
Gelesen 6
Aravind Adiga ist mit “Der weiße Tiger” ein sensationelles Debüt gelungen. Das war in diesem Jahr mit eines meiner ersten Bücher. Ich bin nicht die Ober-Leseratte, brauche also entsprechend Zeit, um Bücher zu lesen. “Der weiße Tiger” war allerdings ziemlich flott durchgelesen. Es war einfach genial unterhaltsam.
Kürzlich ist nun “Zwischen den Attentaten” erschienen. Hierbei handelt es sich mehr um einen Episodenroman, in dem eine ganze Reihe von Protagonisten vorkommen. Es werden zwölf unterschiedliche Personen mit unterschiedlichen Schicksalen vorgestellt. Es handelt sich in der Regel um Loser der Gesellschaft. Einige wissen, dass es so ist, andere denken das Gegenteil.
Adiga räumt auf mit irgendwelchen Vorurteilen von einem Indien, in dem Friede, Freude, Eierkuchen angesagt ist. Das Kastenwesen ist brutal. Moslems und Christen haben es extrem schwer. Die Lebensbedingungen sind übel, für den Großteil der Bevölkerung hat der Begriff Schwellenland und dessen Implikationen keine Bedeutung. Es herrscht Unterdrückung, Korruption ist an der Tagesordnung.
Adiga zeichnet ein unverstelltes Bild von Indien, das keinen verklärten Blick zulässt. Im Vorübergehen lernt man erneut sehr viel über das Land und die Verhältnisse, die dort herrschen.
“Zwischen den Attentaten” ist zeitlich vor “Der weiße Tiger” entstanden. Es wirkt auch nicht ganz so ausgereift wie das Erstlingswerk. Diesem Buch fehlen auch die realsatirischen Passagen. Das fehlt mir als Leser. Ich mag es, wenn mir das Lachen im Halse stecken bleibt. Hier bleibt eher Empörung und Entsetzen zurück. Aber nicht auf eine sehr belastende Weise, so dass es sich lohnt, auch dieses Buch zu lesen. Wer die Wahl hat, sollte vielleicht besser zu “Der weiße Tiger” greifen.
“Zwischen den Attentaten” erhält von mir 7 von 10 möglichen Punkten. Es ist bei C.H. Beck erschienen und kostete 19,90 Euro.
Gelesen 5
Erst so langsam schaffe ich es, die wichtigsten Bücher für die neue Welt zu lesen. Kürzlich habe ich endlich einmal “Tipping Point – Wie kleine Dinge Großes bewirken können” von Malcolm Gladwell zur Hand genommen. Der Autor schafft es, einigermaßen theoretischen Stoff und zahlreiche hauptsächlich psychologische Studien sehr unterhaltsam zu vermitteln. Noch besser: Er schafft die Verknüpfung zum wahren Leben und echten Phänomen, abseits von psychologischen Labors.
Er beschreibt das Phänomen, dass es oftmals nur kleine Eingriffe braucht, um entscheidende und nachhaltige Veränderungen in Gang zu bringen. Seine wichtigsten Beispiele: das Eindämmen der Kriminalität in New York durch das konsequente Tilgen von Graffitis und das Verändern eines Marken-Images am Beispiel der Schuhmarke Hush Puppies. Häufig benutzt er den Begriff Epidemien und schafft damit die Parallele zu der Verbreitung von ansteckenden Krankheiten. Auch hier führt er Beispiele auf, wie aus einer ansteckenden Krankheit ein Epidemie wird.
Das Fass zum Überlaufen bringen wäre eine weitere Beschreibung für das Phänomen, das ihn umtreibt. Er identifiziert drei Regeln des Tipping Points: das Gesetz der Wenigen, den Verankerungsfaktor und die Macht der Umstände. Wenn hier alles zusammenpasst, dann kann aus einer einfachen Maßnahme eine große Sache werden.
Gladwell präsentiert hier eine Gesellschaftstheorie, die nicht zuletzt hilft, viele Phänomene unserer Zeit zu begreifen. Darüberhinaus macht das Buch Mut, auch einmal selber etwas auszuprobieren. Gerade Unternehmer sollten dieses Werk einmal lesen und sich dadurch motivieren lassen, etwas zu wagen – und damit vielleicht den großen Wurf zu machen.
Das Buch bekommt von mir 8 von möglichen 10 Punkten.
Malcolm Gladwell, Tipping Point – Wie kleine Dinge Großes bewirken, 2002 (urspr. 2000 im Original), Goldmann, 316 Seiten
Gelesen 4
David Foster Wallace war sicherlich ein sehr schräger Typ. Er ist wohl einer der bedeutendsten Autoren seiner Zeit gewesen, kann man im Netz allenthalben lesen. Diese endete im vergangenen Jahr mit dem Freitod. Demnächst erscheint auf Deutsch posthum sein 1648-Seiten starkes Meisterstück “Unendlicher Spaß: Infinite Jest”.
Bevor man sich jedoch an dieses Werk begibt, ist es sicher sinnvoll auf eine andere Art in die Arbeit des US-Autors einzusteigen. Ich habe mir das Buck “Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich” gekauft. Wallace hatte den Auftrag vom Harper’s Magazine, eine Story über eine siebentägige Luxus-Kreuzfahrt durch die Karibik zu schreiben. Daraus ist nicht nur eine Story, sondern gleich ein ganzes Buch geworden. Übrigens: Es handelte sich nicht um eine Pressereise. Angeblich hat der Verlag den Platz in einer Außenkabine normal gebucht und bezahlt.
Um es gleich vorweg zu sagen: Mich hat das Buch ein wenig enttäuscht, da ich niemals laut lachen musste, oder lustige Geschichten aus dem Buch weiter erzählt habe. Insofern sind die Werbetexte auf dem Cover etwas zu heftig geraten. Sind aber auch Werbetexte.
Wallace entführt uns auf das Kreuzfahrtschiff Zenith, das er eigentlich von Beginn an Nadir nennt. Der Hotel-Manager heißt Dermatis. Wallace hasst ihn vom ersten Moment an und nennt ihn Dermatitis. Klar, als man auf dem Schiff Spitz bekommt, dass Wallace einen Bericht schreiben wird, wurden alle Informationskanäle geschlossen.
Nicht, dass man mich falsch versteht. Das Buch ist amüsant. Allerdings kann der Autor einen nicht mit völlig abgefahrenen Begegnungen schocken. Irgendwie stellt man sich die Urlauber auf einem Kreuzfahrtschiff genauso vor – selbst wenn man vielleicht nur das Traumschiff aus dem Fernsehen kennt. Natürlich ist es cool, wenn die Leute an der Information fragen, ob man beim Schnorcheln nass wird. Auch die Begegnung mit dem Vakuum-Klo haben schon viele gehabt. Und natürlich überlegt man sich wie es wäre, wenn man mit Haut und Haar im Abwassersystem verschwinden würde. Einigermaßen gespannt habe ich die Episode über das Skeet-Schießen verfolgt. War aber jetzt auch nicht von großen Überraschungen geprägt.
Als Erzähler taugt Wallace schon. Recht lakonisch kommen seine Beschreibungen der Ereignisse daher. Gestört wird der Lesefluss durch die Vielzahl der auch manchmal zu langen Fußnoten. Nicht sehr inspiriert finde ich die chronologische Abhandlung. Das hängt wohl damit zusammen, dass Wallace nach Sichtung seiner Aufzeichnungen einigermaßen spontan entschieden hat, nicht nur einen Aufsatz im Harper’s Magazine abzusondern, sondern auch noch ein kleines Buch zu verfassen.
“Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich” erhält von mir 5 von 10 möglichen Punkten. Ich werde wohl als nächstes einen Roman von Wallace lesen. Vielleicht hat ja jemand einen Tipp. Anregungen nehme ich gern entgegen.








